Von Potosi nach Trinidad. Ein rarer Fall von Problemen mit den Einheimischen. Exkurs über Armut und Entwicklungshilfe. Von Trinidad mit einem Frachtschiff eine Woche lang auf dem Mamoré, Zubringerfluss des Amazonas, nach Guayanamerin. Eine abenteuerliche und wunderbare Reise, die ohne Gringo-Bonus nicht zu überstehen gewesen wäre.

Reisebericht Bolivien 2003
Den Mamoré flussabwärts

06. März 2003

Liebe Freunde,

ich war auf dem Amazonas! Und falls irgendwer so kleinlich sein sollte, mich zu korrigieren, zu sagen, dass ich auf dem Mamoré, nicht auf dem Amazonas war, dem halte ich entgegen: Das Wasser, auf dem ich gefahren bin, mit dem ich mich gewaschen haben, in dem der Fisch gewachsen ist, denn ich gegessen habe, mit dem mein Essen gekocht wurde, das ich getrunken habe (abgekocht natürlich, als Tee mit viel Zucker, um den Eigengeschmack zu überdecken), in das ich gepinkelt habe, und noch eine andere Sache, an die ich mich gerade nicht erinnern kann, dieses Wasser wird in nicht allzu langer Zeit in den Amazonas münden, den Kontinent mit diesem größten aller Flüsse durchqueren und schließlich in den Atlantik münden. Mein Wasser! Hah! Ich hab’s angefasst! Und getrunken! Und wieder … . (Wer mir sagen kann, wie lang es dauert, bis dieses Wasser das Meer erreicht wird hier lobend erwähnt. Gut, gell? Also strengt Euch an! 🙂

Aber alles der Reihe nach. Dieser Bericht fällt in Teilen etwas anders aus, als die bisherigen, er enthält einige Meinungsäußerungen, bitte nicht irritieren lassen. Wem’s nicht gefällt, der warte auf den nächsten Bericht, der ist hoffentlich wieder so wie gewohnt.

Potosi – Trinidad

Ich war noch Sonntag und Montag tagsüber in Potosi, wo ich mich körperlich nicht sonderlich gut gefühlt habe, vielleicht war es ein Anflug von Grippe (immerhin gibt es hier Echinacin zu kaufen, auch wenn einen die Apotheker versuchen zu überzeugen, dass Antibiotika viel besser sind), vielleicht war es aber auch die Luft, denn der Besitzer des Hotels, in dem wir abgestiegen waren, erzählte mir, dass er wegen der Gifte in der Luft immer Kopfschmerzen habe, sobald er nach Potosi komme. Jedenfalls war ich eine vierzehnstündige Nacht-Bus-Fahrt später in Cochabamba und damit zum ersten Mal seit einiger Zeit unter 3000m. Zusammen mit Eric, den ich im Bus getroffen habe, haben sind wir in einem schönen Hotel abgestiegen und ich habe den Tag damit verbracht, herauszufinden, was ich wohl machen würde. Zur Diskussion stand ein Besuch im Nationalpark Torotoro, mit Höhlen und Dinosaurierspuren, aber letztendlich haben wir uns dagegen entschieden, da Eric sich ausschließlich für die Höhle interessierte, der Ausflug allein nicht zu finanzieren war, bzw. weil es mich allein eine ganze Woche gekostet hätte, Zeit die ich leider nicht habe. Also habe ich mir mein reserviertes Ticket abgeholt und bin am Mittwoch nach Trinidad geflogen. Von der an sich schön gelegenen Stadt Cochabamba und ihren Sehenswürdigkeiten haben wir nicht viel mitbekommen, haben uns dort irgendwie nicht sehr wohl gefühlt. Das kann aber auch an einer im Bus verbrachten Nacht liegen.

Abenteuer weil Gringo

Mein Abenteuer ging leider etwas früher und negativer los, als ich mir das gewünscht hatte. Ich habe mir ein Taxi vom Flughafen genommen (ca. fünf Minuten). Wie immer habe ich zuerst nach dem Preis gefragt und bin überzeugt, dass mir der Taxifahrer fünf (cinco sprich sinko) Bolivianos genannt hat. Beim Hotel wollte er dann fünfzehn (quince sprich kinse) und wurde handgreiflich als ich sagte, das zahle ich nicht. Er griff sich erst meine Jacke, riss ein Stück der Kapuze ein und auch ein Hilfsgurt meines kleinen Rucksacks ging bei der Sache drauf. Er wollte sich sogar schlagen, zog dann aber nach einer Diskussion mit dem Hotelbesitzer ab.

Wie ich erfahren habe, wäre 15 sogar der richtige Preis gewesen, 5 der Preis für ein Colectivo, das ist ein Taxi, das man sich mit anderen teilt, was mir normalerweise sogar das liebste ist. Ob er mir absichtlich einen falschen Preis genannt hat, um die Fahrt zu bekommen, oder ob einer von uns einen Fehler gemacht hat, lässt sich nicht klären, der Preis-Unterschied ist auch (für unsere Verhältnisse) lächerlich. Aber der Einsatz von körperlicher Gewalt und Sachbeschädigung (erheblich teurer als die 10 Bolivianos = 1,50 Euro) erschienen mir dann doch gravierend genug für eine Beschwerde bei der Touristen-Information.

Die Leute dort waren überaus freundlich, und haben die Sache viel wichtiger genommen, als mir lieb war. Ich wollte ja eigentlich nur, dass sie sich die Sache notieren, für den Fall, dass nochmals was Ähnliches mit dem gleichen Taxifahrer passiert. Es scheint für solche Fälle Richtlinien zu geben und es ist den Leuten vom Tourist-Office extrem wichtig, dass nichts Derartiges passiert, da sie fürchten, dass jede negative Sache sie etliche Touristen und das damit verbundene Geld kostet. Erst sah es so aus, als wollten sie die Sache sogar zur Anzeige bringen, und ich habe die ganze Zeit gegensteuern müssen. Auch eine formelle Gegenüberstellung und erzwungene Entschuldigung ist Gott sei Dank nicht zu Stande gekommen. Das Ganze war jedenfalls eine wertvolle Erfahrung, und so seltsam es ist, ich hatte eine Menge Spaß während des Nachmittags, weil wir geschäkert haben, wen von den dort arbeitenden Damen ich denn jetzt mit auf die Reise nehmen würde. Ich wollte ja eigentlich zum Hafen, um etwas über die auslaufenden Schiffe zu erfahren, und habe auch immer wieder versucht, das als Ausrede zu benutzen, um die ganze Aktion mit dem Taxifahrer klein zu halten, sie haben mich aber nicht weg gelassen. Dafür haben sie für mich im Hafen angerufen und für mich ein Schiff und den Preis in Erfahrung gebracht.

Entwicklungshilfe 2

Hier eine Fortsetzung meines Exkurses aus dem Salta-Bericht. Wie ich Euch schon angedeutet hatte, ist Bolivien viel ärmer als Argentinien, selbst jetzt, da Argentinien in einer großen Krise steckt. Argentinien hat es geschafft, ist kein Land der sogenannten dritten Welt mehr. Ganz anders Bolivien, dass am Geldhahn der Welt hängt, der IWF mischt gehörig in der Landespolitik mit. Es fehlen sämtliche Strukturen, Ausbildung, Regierung, Infrastruktur. Dabei ist Bolivien eigentlich reich, zumindest reich an Bodenschätzen, es gibt Erze, Erdgas, sogar etwas Erdöl. Was dem Land dringend fehlt ist ein Zugang zum Meer, um diese Reichtümer auch verkaufen zu können, denn die umgebenden Länder (Peru, Brasilien, und, so sagt man hier, das böse Chile) verlangen für die Durchleitung so viel, dass bei den gesunkenen Weltmarktpreisen kein Gewinn übrig bleibt. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hatte Bolivien vor gut hundert Jahren einen Zugang zum Meer und hat diesen dann in einem Krieg mit Chile verloren. Der Präsident versucht nun gerade durch eben jenes Chile eine Pipeline zu verlegen und verfolgt dabei höchstwahrscheinlich die Interessen seines eigenen Wirtschaftskonzerns.

Wenn man reist und sich mit den Leuten unterhält, dann spricht man (über den Krieg natürlich, die ganze Welt spricht drüber und ich habe noch NIEMANDEN gefunden, der das auch nur im Ansatz befürwortet, irgendwer von Euch vielleicht? Mich würden die Argumente für einen Krieg wirklich interessieren …) natürlich auch über die ökonomische Situation hier. In der Gegend von Potosi, in den Bergen überhaupt, da wo keine Nahrungsmittel wachsen, sind die Leute sehr arm dran, etliche hungern, betteln um ein Stück Brot. Man sagt mir, dass vom IWF und anderen Quellen viel Geld fließt, dass das aber nicht ankommt, in dunklen Kanälen der Regierung etc. verschwindet. Wie war das? Entwicklungshilfe ist, wenn Geld von den Armen in den reichen Ländern zu den Reichen in den armen Ländern fließt. Traurig.

Jetzt komme ich endlich wieder zu meinen eigenen Erlebnissen. Am Abend nach dem Taxi-Vorfall war ich Essen, habe nach einigen Tagen an der Seite von Vegetariern ein großes Steak bestellt und eine Portion bekommen, die unmöglich und von niemanden zu schaffen war. Also habe ich aus dem Rest des Fleisches und zwei Semmeln Sandwiches gebastelt und bin damit in den Park, denn ich hatte gerade zwei kleine Schuhputzer-Jungs an mir vorbeikommen sehen. Da waren dann nicht zwei, sondern ein ganzer Trupp, und kaum dass ich Brote hervorgeholt hatte, waren sie mir aus den Händen gerissen und es gab einen regelrechten Kampf um jeden Bissen davon. Wie immer haben die Kleinsten nichts davon abbekommen 🙁 Ich bin dann in ein Geschäft, habe etwas Brot und ein paar Äpfel gekauft, bin zurück und habe die Sachen verteilt, leider waren es wieder nur die Grossen, die Kleinen waren wohl unterwegs, um ein bisschen zu arbeiten. Man fühlt sich ja gut, wenn man so was macht. These: Es gibt nur Egoisten, wer anderen hilft, ist ein altruistischer Egoist, der anderen deshalb hilft, weil er sich selbst besser damit fühlt. Aber selbst wenn Eitelkeit, Einbildung oder gar Arroganz mit Grund sind zu helfen, wenn man eigentlich hilft, weil man sich selbst auf die Schulter klopfen möchte, weil man so ein toller Hecht ist, dann bleibt es ein Fakt, dass jemand anderes was gegessen hat und hoffentlich besser schläft.

Aber was ist denn Realität in diesem Land? Mein Taxifahrer am nächsten Morgen hat mir eine ganz andere Perspektive der Dinge dargestellt. Er sagte, es käme eine ganze Menge internationaler Gelder hier an und die Leute hätten sich so daran gewöhnt, dass sie sich weigern würden zu arbeiten. Und die Kinder im Park hätten nichts zu essen, weil ihre Väter alles Geld versaufen würden, was den Erzählungen nach übrigens auch für etliche Bergmänner in Potosi gilt. Dort waren wir aber nicht in Potosi, sondern in Trinidad, in fruchtbarster Dschungelgegend. Gemäß der Darstellung meines Taxifahrers, sind die Flüsse voller Fische, es gibt Wild und Ackerboden, mit ein bisschen Aufwand könne sich jeder selbst versorgen. Auch Arbeiter würden gesucht und seien nicht zu finden, da niemand arbeiten wolle. Ist das wahr? Oder nur eine nicht repräsentative und nicht zutreffende Einzelmeinung? Liegt das Problem in der Mentalität der Leute? Oder mangelt es in der Erziehung und Ausbildung? Eine Sache, die ich selbst mehrmals beobachtet habe, ist dass ältere Geschwister ihre jüngeren Brüder und Schwestern zu Restaurants begleiten und dann zum Betteln schicken, bzw. um irgendwas zu verkaufen. Man verspricht sich Gewinn vom Mitleidsbonus möglichst junger Kinder, die dies tun anstatt zu spielen, zu schlafen oder zu lernen und so später vielleicht nichts anderes können und tun, als die wiederum nächste Generation zum Betteln zu schicken …

Entwicklungshilfe ist jedenfalls ein extrem schwieriges Thema und wer Geld spendet, sollte sich genau ansehen, an wen er spendet und was damit geschieht. Genug davon, ich gebe zu, dass ich Euch ein wenig als öffentliches Tagebuch und Projektionsfläche für meine Gedanken und Überlegungen missbrauche.

Abenteuer mit Gringo-Bonus

Bolivien, Mamoré: Doris Sarita
Die Doris Sarita

Nun, in der Touristen-Information hatte man mir herausgefunden, dass am nächsten Tag, Donnerstag, die Doris Sarita auslaufen sollte, irgendwann früh am Morgen. Am Abend habe ich nochmals bei der Hafenkommandatur angerufen, da hieß es, sie laufe erst am Nachmittag aus. Trotzdem früh aufgestanden, wieder angerufen, ja, am Nachmittag, aber man werde mal nachfragen. Gefrühstückt, wieder angerufen: Die Motoren laufen bereits, man warte nur noch auf mich. Stress, Taxi (Gespräch über Entwicklungshilfe) und zum Schiff, alles ganz ruhig, keine Motoren, beim Beladen.

Das Schiff bestand eigentlich aus vier Schiffen, dem eigentlichen Triebschiff, also der Brücke, dem Motor (Volvo, Diesel, sechs Zylinder), den Mannschaftsräumen etc, das ist die Doris Sarita, dann ein Lastschiff, also mit gar nichts außer Platz für die Fracht vorne (die Claudia Patricia), eins links für Fracht (die Jobito) und eins rechts für Fracht und Passagiere (die Rubensdario). Der allergrößte Teil der Fracht bestand aus Gasflaschen, dann kamen noch zwei Trucks dazu, etliche Tonnen Lebensmittel von Bier bis Karotten, später kamen dann für Teile der Reise auch noch ein paar Schweine, Hühner und andere Kleinigkeiten dazu. Insgesamt passten bis zu 150 Bruttoregistertonnen auf den Kahn.

Bolivien, Mamoré: Doris Sarita - Passagierdeck
Das Passagierdeck

Ich war nicht der einzige Passagier, aber der einzige Gringo, der einzige, der diese Reise zum Spaß machte. Die anderen waren Leute, die umzogen und ihren ganzen Hausstand dabei hatten, und auch der Eigentümer der ganzen Lebensmittel war mit an Bord. Für die Passagiere war über dem Frachtraum der Rubensdario eine Zwischendecke eingezogen, auf der sich das ganze Leben abspielte, nach allen Seiten offen, aber mit einer Plane überdacht, für den Fall das es regnet.

Apropos Regen: Meine ganz regenfreien Tage sind gezählt, in der Potosigegend hatte ich sogar manchmal das Gefühl, in der richtigen Regenzeit angekommen zu sein. Aber auch wenn es mindestens jeden zweiten Tag mal richtig schüttet, dann ist das doch sehr harmlos, weit von einer richtigen Regenzeit entfernt. Zudem regnet es tendenziell eher nachts.

Ich erfuhr, dass die Reise nicht drei oder vier Tage, sondern eine ganze Woche dauern sollte, da der Kapitain Edwing Dorado Becerra nur tagsüber fahren ließ. Man sagte mir, dass man in einer Stunde ablegen würde, und ich hetzte per Colectivo zurück in die Stadt, um meine Reisedaten per Internet zu hinterlegen. Wieder zum Hafen, diesmal per Motorrad-Taxi, billig und lustig, Wasservorrat und Notfallration an Keksen etc. Aufgestockt und wieder aufs Schiff. Die Stunde ging vorbei, es wurde geladen und wann immer ich fragte, hieß es, dass wir in ca. zwei bis drei Stunden auslaufen würden. So wurde es fünf Uhr nachmittags, bevor ich mich endlich bei der Hafenkomandatur registrieren lassen durfte / musste es dann losging.

Bolivien: Mamoré
Der Mamoré bei Trinidad

Die ersten Stunden der Reise waren vielleicht die schönsten. Ich saß vorne am Bug (Gringo-Bonus 1, ich war frei, mich zu bewegen, wo ich wollte, auch die Kabine, in der sich sonst nur Kapitän und Steuermänner aufhalten durften stand mir offen), sah den Dschungel an mir vorbei gleiten, sah Vögel, Vögel, Vögel, bunt oder groß, Raubvögel, Störche, Papageien, Kraniche und was weiß ich, wie die alle heißen. Das war exakt das, was ich mir erhofft und erträumt hatte.


Bolivien, Mamoré: Doris Sarita - Kabine
Die Kabine der Doris Sarita

Dann die Beinahe Katastrophe. Es wurde langsam dunkel, alle Passagiere hatten sich ihre Schlafplätze vorbereitet, sprich Decken oder Matratzen auf dem Boden ausgebreitet und Moskitonetze darüber gespannt. Ich hatte noch nie längere Zeit in der Hängematte geschlafen, geschweige denn mit Moskitonetz, was, zumindest wenn man keine Ahnung davon hat, eine schwierige Kombination ist. Noch während ich beim Aufbau war, sah eigentlich ganz nett aus, legte das Schiff am Ufer an. Ufer, Schilf, Dschungel – – – Moskitos! Nicht einer, nicht zwei, auch nicht hundert, meine Schätzungen gehen eher in hundert pro Kubikmeter, überall. Scheiße! Und ich gebrauche dieses Wort selten. Das Moskitonetz ließ trotz unzähliger Wäscheklammern genügend Lücken und man ist hier sowieso froh, wenn NUR ein Dutzend Moskitos innerhalb des Netzes sind. Es sind so viele, dass sich für jede Lücke in Kleidung oder eingecremter Haut ein Tier findet, es finden sich auch genügend Ausnahmetiere, die sich nicht um DEET-haltige (in Deutschland verboten, da zu giftig) Abwehrmittel kümmern oder so stark sind, dass sie einfach durch die stichfeste Kleidung durchstechen. Diese Spiral-Dinger zum anzünden, die angeblich auch draußen funktionieren? Nicht den Hauch einer Chance. Es war gerade einmal halb acht. Nach einigen Minuten in der Haengematte und aufkommender Panik (wie komme ich von diesem Boot? Zurück? Oder auf ein Boot, dass nachts durchfährt, nicht anlegt, schneller ankommt?) floh ich zur Kabine und fragte, ob ich eintreten durfte. Ich durfte. Im Fernseher liefen mexikanische Soaps in weisser-Griesel-auf-grauem-Bildschirm-Qualität und ein paar Stunden später gipfelte Gringo Bonus 3 darin, dass ich in der Kabine schlafen durfte.

Bolivien: Mamoré
Schon bald wurde der Fluss riesig

Die nächsten Tage brauchen nicht in dieser Ausführlichkeit beschrieben zu werden. Der Fluss wurde sehr schnell sehr viel breiter, was leider viel von der Atmosphäre nahm, das Beobachten der Tiere schwieriger machte. Trotzdem eine tolle Reise, immer wieder Papageien (es ist komisch, das sind hier ganz normale Vögel, immer zu zweit oder in größeren Gruppen, immer mit viel Radau, Mund auf, genießen und staunen), andere Vögel und keine Krokodile, obwohl es hier eigentlich viele geben müsste. Sind schwer zu sehen, verstecken sich, warten auf vorbeischwimmende, ahnungslose Touristen.

Ab dem zweiten Abend waren wir außerhalb des Fernsehempfangsbereiches, dafür gab es jeden Abend zwei Videofilme, fast ausschließlich Action, Rocky IV + V, Spiderman, Kiss of the Dragon, Collateral Damage, First Knight. Signs haben sie abgebrochen, da passierte zu wenig. Die Filme waren natürlich alles Raubkopien, ich betrachte das (obwohl ich eigentlich im Film-Lizenzhandel arbeite) als kleinen Ausgleich für den Schaden, den der amerikanische Imperialismus in ganz Lateinamerika angerichtet hat und immer noch anrichtet. Es war natürlich ein bisschen schade, dass tagsüber immer der Motor lief und nachts der Generator, so dass es nie still genug war, um die Geräusche des Dschungels ungestört zu genießen. Aber vorne am Bug, wo ich viel saß, das Wasser an mir vorbeirauschen ließ, war es fast still, gab es nichts außer mir und der Natur.

Es gab auf der Fahrt immer wieder Phasen, in denen ich mich recht unsicher gefühlt habe. Ein Schiff ist doch ein seltsamer bzw. ungewohnter Ort, es gibt strenge Hierarchien, die man nicht kennt, es gibt Regeln, die man nicht kennt, und trotzdem ist man dem Schiff und der Besatzung ausgeliefert bzw. ist darauf angewiesen. Es ist auch etwas schwer, da hier in Bolivien wie gesagt die kulturelle Hürde eine größere Rolle spielt, man den Leuten nicht so schnell so nahe kommt. Dann schleppt man einen für diese Leute ungeheuren Reichtum mit sich herum, ständig wird man gefragt, wie viel hat dies gekostet, wie viel das … immer wieder wird Neid spürbar. Andersrum gefragt, ist es in Ordnung, in diesen Lebensraum einzudringen, den Leuten unsere Standards vorzuleben, sie damit vielleicht ihrem eigenen Leben gegenüber unzufrieden werden zu lassen? Jedenfalls waren alle supernett zu mir, allen voran der Kapitän, der fast wie ein Vater um mein Wohl besorgt war. Er wollte keinen freiwillig angebotenen Gringo-Fahrpreis akzeptieren, ein 100% Trinkgeld für die Mannschaft nahm er aber an und versprach davon ein großes Abendessen auszurichten.

Bolivien, Mamoré: Kapitän Edwing
Der Kapitän Edwing beim Liefern eines Fahrrads. 300km weit weg, hat jemand ein Fahrrad abgegeben und das wird nun zugestellt. Die Kosten dürften sich um einen Dollar bewegen.

Die Tagesleistung bewegte sich zwischen 100 und 230 Kilometer am Tag, je nachdem, wie oft gestoppt wurde, neue Ladung aufgenommen oder gelöscht wurde. Der Ort auf halber Strecke, wo der Kaufmann seine Lebensmittel ablud, um sie zu einem nochmals hundert Kilometer abgelegenen Dorf zu bringen, war der erste, der mir auf meinen Reisen begegnet ist, wo es keine Coca-Cola gab! Es ist unglaublich, aber das gibt es noch. Wie schön! Wie traurig, denn ich hatte wirklich Lust auf eine Cola, aber die Synthetik-Billig-Limonade hatte dann auch was und sie war sogar gekühlt!!!

Übrigens ist es ein witziges Erlebnis, jemanden auf so einem Boot nach einem Mülleimer zu fragen, denn es kapiert hier niemand, warum man die Tüte nicht einfach aus dem Fenster in den Fluss schmeißt. Jetzt bin ich ja der Meinung, dass das Aus-dem-Fenster-Schmeißen von Plastik, Papier, Glas und Getränkedosen ein rein ästhetisches Problem ist, denn ich glaube nicht, dass es der Umwelt schadet, und ich habe noch keine Pflanze oder kein Tier gesehen, dass sich daran gestört hätte, dass irgendwo eine oder auch hunderte Tüten rum liegen. Diverse Wasserbewohner freuen sich wahrscheinlich sogar über eine Plastikhöhle mit Panoramablick und in ein paar hundert bis tausend Jahren wird von dem Zeug nicht viel übrig sein. Jedenfalls vermittelt es einem auch einen Eindruck der Größe dieser Flüsse, wenn man weiß, dass hier jeder seinen Müll rein schmeißt und trotzdem nichts davon zu sehen ist.

Im Laufe der Reise gab es noch ein komisches Gefühl, ein Gefühl das ich nicht kannte und von dem mir Priti erzählt hatte, die wochenlang im Dschungel war. An Bord gab es keinerlei Spiegel und ich hatte mein Gesicht die ganze Fahrt über nicht ein einziges Mal gesehen. Unser Gesicht ist ja so ziemlich das erste, was wir morgens beim Zähneputzen sehen, und abends das letzte. Ist wirklich witzig. Man spürt den Bart wachsen, hat keine Ahnung, wie lang die Stoppeln schon sind, fragt sich, ob man vielleicht einen Streifen Russ auf der Stirn hat und wie man denn eigentlich aussieht.

Man ist auf dem Fluss übrigens den ganzen Tag müde, keine Ahnung warum, man tut ja nichts. Das ist aber ganz gut so, die Zeit vergeht schneller. Die Matrosen kauen deshalb den ganzen Tag Coca, das abends vom Kapitän aus einer großen Kiste verteilt wird. Soll angeblich auch gut gegen alle möglichen Krankheiten sein, Ausrede oder Wahrheit?

Die Reise war wirklich schön und vor allem interessant, man bekommt ein Gefühl für eine ganz andere Art des Lebens, ein Leben, das uns ungewohnt erscheint, das für die Leute hier normal ist, ein Gefühl für die Dimensionen des Landes, des Urwaldes, der Tag für Tag an einem vorbei gleitet. Der Fluss wurde hier schon so groß, dass es mich zwar interessieren würde, den Amazonas zu sehen, dort muss es Stellen geben, wo das Ufer außer Sichtweite ist, aber längere Zeit darauf zu reisen reizt mich nicht mehr so, lieber die oberen und engen Arme. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Reise nochmals machen würde, ob ich sie gemacht hätte, wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet. Sechs Tage waren eher zu lang, was aber wie gesagt auch seine Vorteile hat.

Hier ein paar Tipps, falls jemand von Euch etwas Ähnliches machen wollte: Klärt vorher ab, wie lang das Schiff braucht, überprüft alle Infos, die Ihr bekommt. Klärt genau ab, wo und unter welchen Bedingungen ihr schlafen könnt, wo ihr Euch aufhalten dürft. Man sollte jedenfalls nicht darauf vertrauen, so viel Glück wie ich zu haben, als ich in der fünften Nacht in der Hängematte wegen Rückenschmerzen auf den notdürftig bedeckten Fußboden auswich, wurde mir am nächsten Morgen sogar ein Bett (Himmel auf Erden) organisiert. Nehmt Euch genug Wasser mit. Nehmt Obst mit, aber nur solches, das sich gut transportieren und lagern lässt (meine Wassermelone war ein willkommener Nachtisch für das ganze Schiff). Nehmt Durchfallmittel und ein Antibiotikum für den Fall einer Mageninfektion mit (toitoitoi, ich hätte nie gedacht, dass mein Magen das ohne Probleme mitmacht), Kekse und ähnliche Ausweichlebensmittel, falls Ihr krank werdet. Und schließlich Moskitoschutz: Hitze hin oder her, obwohl es tagsüber heiß und dank Fahrtwind und Mitte des Flusses recht problemfrei war, hatte ich mich gut eingepackt – Stiefel, darüber eine stichfeste Hose, mein stichfestes, langärmliges Tropenhemd, tropentaugliches und wahrscheinlich recht krebserregendes Insektenschutzmittel auf Hände, Kopf, Hals und Nacken und mein Lieblingsteil, nur nachts und abends getragen, ein Moskitonetz nur für den Kopf. Mein großes Moskitonetz brauchte ich Gott sei Dank nicht, ist aber trotzdem natürlich ein Muss. Diese Moskitos hier summen nicht, was ein Vorteil ist, denn sie sind ohnehin unvermeidbar, aber sie jucken, holla! Malariaprophylaxe und/oder Stand-By-Medikamente sind genauso wichtig.

Mittwochmorgen sind wir nach ca. 820 Kilometern angekommen, ein komisches Gefühl, nach einer Woche Abschied vom Schiff zu nehmen. Aber ich freute mich auf eine Dusche! Also in Guayanamerin ein Motorradtaxi, dann ein Collectivo für eineinhalb Stunden und jetzt bin ich in Riberalta, der einzigen Grosseren Stadt in weitem Umfeld mit ca. 65.000 Einwohnern und weit von jedem Touristenzentrum.

Im Hotel habe ich Frederick kennengelernt, einen Einheimischen mit Schweizer Grosseltern. Er hat mir von einem schönen See in der Nähe erzählt, mir einen Motorroller organisiert und wir sind einen Tag hier durch die Gegend gedüst. Es war sehr entspannt, wir waren schwimmen und haben ausgespannt. Wir haben ein paar Dschungel-ähnliche Wälder besucht und ich habe mich ein wenig von Moskitos fressen lassen. Außerdem habe ich eine Deutsche kennengelernt, die mir aus einer kleinen Misere hilft, denn ich krieche auf meiner letzten Dollarreserve, denn hier gibt es zwar Internet aber keine Geldautomaten. Telebanking gegen Bargeld, das ist doch was. Morgen geht es in einer quälend langen Busfahrt nach Rurrenabarque in einen der größten Nationalparks der Welt. Leider komme ich mitten in der Nacht an, was mir ein bisschen Kopfzerbrechen macht, aber ich habe keine andere Wahl.

Bis bald und beste Grüße aus Riberalta, Bolivien

Volker

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© Volker Umpfenbach

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