Potosi, ehemals eine der reichsten Städte der Welt. Besuch in den Silberminen, wo unter extremsten Bedingungen noch heute von Hand Erze abgebaut werden.

Reisebericht Bolivien 2003
Potosi

Am nächsten Morgen ging es weiter nach Potosi, einer der ältesten und ehemals reichsten Städte Südamerikas. Die Stadt wurde um 1550 gegründet, als die Spanier hier Silberminen der Indios entdeckten. Die Busstrecke war wunderschön, wieder etliche beeindruckende Panoramas. Leider ist diese Art der Fortbewegung (in viel besseren Bussen als beispielsweise Guatemala, trotzdem aber eindeutig Lateinamerika) zwar bequemer als unser Jeep der vergangenen Tage, aber man hat leider nie die Gelegenheit, anzuhalten, den Anblick in die Seele sinken zu lassen und in Ruhe ein schönes Photo zu machen. Ich habe ein paar Aufnahmen durchs Fenster hindurch versucht und hoffe, dass ich wenigsten ein bisschen was einfangen konnte.

Potosi ist mit über 100.000 Einwohnern auf ca. 4200m die höchstgelegene Stadt ihrer Größe. Sie ist zwar in weiten Teilen so hässlich, wie man es hier gewohnt ist, aber das Stadtzentrum mit einer Architektur, die den ehemaligen Reichtum und die spanische Vergangenheit widerspiegelt, ist so beeindruckend, dass der Ort von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Bis heute habe ich nur wenig und das im Vorbeigehen gesehen, aber wir (das sind jetzt Keith und ich) sind immerhin in einem wunderschönen antiken Hotel untergekommen. Heute ist die Stadt sehr stark verarmt, da der Wert der Metalle und auch die Ergiebigkeit der Minen bzw. der Gewinnungsmethoden stark gesunken ist. Die wichtigsten hier geförderten Erze sind Silber, Blei, Zinn und Zink, die Minenarbeiter verdienen nur ca. 125 Dollar im Monat und ruinieren sich dabei die Gesundheit, siehe unten.

Da morgen Sonntag ist und die Minen dann noch leerer sind als am Samstag, haben wir heute die Tour durch die Minen gemacht. Es war offensichtlich die absolut richtige Entscheidung, mit der etwas teureren aber in den Reiseführern an erster Stelle genannten Agentur zu gehen, denn andere haben viel weniger erlebt (wir mussten übrigens unterschreiben, dass die Agentur nicht für Unfälle oder unseren Tod zur Verantwortung zu ziehen sei).

Los ging es recht harmlos, von der Agentur mit einem Bus zu einem Haus, in dem wir mit Ausrüstung eingedeckt wurden: Helm mit Grubenlampe, wasserfeste Jacke (nur über dem T-Shirt zu tragen, wegen der Hitze in den Minen), wasserfeste Hose und Gummistiefel. Dann weiter in Richtung Minen mit einem Stopp beim Supermarkt der Minenarbeiter (ca. 6qm groß), wo wir Geschenke für die Arbeiter gekauft haben, sprich Dynamit, das hier jeder einfach so kaufen kann, und Softdrinks.

Schließlich zur Mine. Der Eingang liegt auf 4325m und wir waren gleich mit engsten Gängen konfrontiert, auf denen man sich teilweise nur tief gebückt vorwärts bewegen konnte. In der Nähe des Stolleneingangs war ein kleines Museum eingerichtet, das aber für sich nicht sonderlich informativ war. Dann besuchten wir El Tio, den Onkel, eine Statue das Teufels, denn wie schon bemerkt sind er und Pachamama (Mutter Erde) Besitzer der Erze und Herren über das Schicksal der Bergarbeiter. Unser Führer Pedro erklärte uns einiges dazu und El Tio bekam eine Zigarette und etwas Alkohol.

Bolivien, Potosi: Minenarbeiter
Der kranke Minenarbeiter. Deutlich zu sehen ist die mit Coca-Blättern dick gefüllte Backe.

Dann besuchten wir einen kleinen Stollen auf dieser, der sogenannten ersten Ebene, in der ein Mann mit Handarbeit Löcher fürs Dynamit in den Stein trieb (in anderen Bereichen wird auch mit Pressluft gearbeitet, aber nur dort, wo genügend Erz vorhanden ist, dass sich dieser Aufwand auch lohnt). Dieser Mann war Anfang vierzig und arbeitete bereits seit 30 Jahren in der Mine, sprich in einem heißen, feuchten Umfeld, bei wenig Sauerstoff und verschiedenen Giften in der Luft: Arsen, Silikon (der Killer Nr. 1 hier), Asbest, Kohlenmonoxid und natürlich dem Staub. Wenn er sprach oder atmete hörte man bereits deutlich die Anzeichen seiner zerstörten Lunge und Pedro erklärte uns, dass dieser Mann spätestens in zwei, drei Jahren ins Krankenhaus gebracht würde und dort innerhalb von weiteren zwei Jahren sterben würde wie die meisten der Minenarbeiter. Trotzdem arbeitete er weiter, da er sich zu Hause nutzlos fühlte und außerdem Kinder zu versorgen hat. Dabei war dieser Mann, den es erst nach 30 Jahren erwischt hat, noch einer der glücklichen. Noch glücklicher war natürlich Pedro, der von seinem 10. Lebensjahr an in den Minen gearbeitet hatte und dann die Möglichkeit bekam, als Touristen-Führer zu arbeiten. Bei allen Arbeitern, die wir trafen, hinterließen wir Dynamit und Getränke.


Bolivien, Potosi:  Minen-Trolley
Auch der Transport der Erze ist echte Handarbeit

Dann kletterten wir durch engste Gänge hinab zur dritten Ebene, die ca. 25m tiefer lag. Hier hatte ich aufgrund der Höhe, der Anstrengung, der Hitze und der Gase (ich hatte eine Maske auf, die mich hoffentlich vor einem Teil geschützt hat, aber die Hitze noch unerträglicher machte) das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, zu ersticken, nicht genug Sauerstoff zu bekommen. Das Wissen, tief in einem Berg zu sein, lässt dann schnell Panik aufkommen und ich musste mich zwingen, stehen zu bleiben und ganz ruhig und tief zu atmen, bis es wieder besser war. Später habe ich erfahren, dass ein weiterer Ausgang in der Nähe war, wäre tatsächlich etwas passiert, hätten wir nicht den ganzen Weg zurück gemusst, um an die frische Luft zu kommen. Diese Tour war eine der anstrengten und härtesten (wenn nicht die anstrengenste und härteste) Sache, die ich je gemacht habe.

Wir besuchten noch eine mehrköpfige Gruppe von Minenarbeitern, die die ganze Woche über arbeiten, weil es hier zurzeit etliche Feste gibt und der damit verbundene Alkoholkonsum etc. irgendwie finanziert werden muss. Diese Arbeiter sind den ganzen Tag dort unten, Essen nichts, kauen nur Unmengen an Koka-Blättern, was unter diesen Arbeitsumständen wohl durchaus angebracht bzw. notwendig ist. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich mir das nie vorstellen können.


Bolivien, Potosi: Gringo bei Arbeit in Mine
Gringo Keith bei harter Minenarbeit

Auf dem Rückweg besuchten wir eine Stelle, an der das Erz mit elektrischen Winden nach oben gezogen wird. Aufgrund der Verbindung zur Oberfläche war die Luft hier viel besser, es war kühler und Keith und ich durften als die einzigen Männer der 6-köpfigen Truppe ein wenig beim Schaufeln helfen, was zwar tierisch anstrengend war, aber dann doch vergleichsweise machbar erschien.

Dann kletterten wir die 25 Meter durch engste Gänge wieder nach oben, zum Teil auf allen vieren und waren heilfroh das blendende Tageslicht zu sehen. Pedro zeigte und noch, wie man Dynamit verwendet, bastelte aus einer Stange, einer Lunte und einem Säckchen Ammoniumnitrat den größten Sylvesterkracher, den wir je gesehen hatte, zündete die Lunte an, drückte das Ganze einem der Mädchen in die Hand und versteckte sich hinter dem Bus … gut, einige Sekunden später kam er zurück und nachdem wir Fotos von ihr gemacht hatten, nahm er ihr die Bombe auch wieder ab, verstaute sie ganz gemütlich (brennt einige Minuten) an einer Stelle am Berghang und dann warteten wir auf die Explosion: Wow, das war eine Druckwelle, die wir in 20 Metern Entfernung heftig spürten und das Echo wanderte einige Sekunden rund um die umgebenden Berge.

Am Abend haben wir uns dann nochmals mit Pedro auf ein Bier getroffen, geratscht, noch das eine oder andere sehr interessante erfahren und freuen uns nun vor allem auf eine Dusche und das Bett.

Meine weiteren Pläne sind noch sehr ungewiss, Tierra del Fuego, Patagonien und die Antarktis habe inzwischen ziemlich abgeschrieben und werde ich wohl auf einer anderen Reise machen müssen. Es treibt mich immer mehr in den Norden und ich werde wohl noch einige Zeit in Bolivien verbringen. Momentan habe ich die Idee, mir von Trinidad aus ein Frachtschiff zu nehmen und für ca. vier Tage auf einem Fluss durch den Dschungel zu fahren. Bis ich nach Trinidad komme, fließt aber sicher noch einiges Wasser den Amazonas hinunter und meine Pläne ändern sich ja täglich.

Beste Grüße aus Potosi, Bolivien

Volker

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© Volker Umpfenbach

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