Die Tarnkappe

ca. 11 Minuten
Ein Drehbuch von Volker Umpfenbach
nach einer Idee von Alexander Bergau

Version vom 25.07.1996
© 1996

Holger ist um die 26 Jahre alt, ein nicht zu sehr alternativ eingestellter Intellektueller, insbesondere ist dies an seiner Wohnungseinrichtung und der Art seiner Kleidung zu erkennen, sowohl genügend Geld als auch guter Geschmack sind sichtbar. Während des ganzen Films (Anfang direkt nach den Titeln) kommentiert er das Geschehen von seiner Wohnzimmercouch aus, wo er uns im zweiten Bild begegnet. Auch wenn er schlecht über Parties redet, ist sein Ton freundlich, ein wenig ironisch. Was genau Holger strickt darf erst im letzten Bild klar werden.

  1. Innen/Nacht Werners Partyraum vor ca. zwei Jahren

    Eine typische Party mit viel lauter Musik und einigem Alkohol, die Stimmung ist auf dem Höhepunkt, gut aber nicht überwältigend. Die meisten der ca. 30 Gäste im Alter von 20 bis Anfang 30 ist am Tanzen, der Rest ißt, trinkt oder unterhält sich.

    Titel ab.

    Die Kamera fährt durch das Publikum, bleibt ab und zu für einen Moment bei einer Gruppe, es wird klar, daß ohne Alkohol tote Hose wäre.

    Holger (off): Lieben Sie Parties? Eine Masse junger Menschen kommt zusammen, die Musik wird so laut gemacht, daß anständige Konversation unmöglich ist, und dieses Unglück wird dann solange mit Alkohol und Nikotin überzogen, bis alle den Eindruck haben, eine tolle Zeit zu verbringen. Das große Gejammer kommt dann regelmäßig am nächsten Morgen …

    Die Kamera fährt an einer offenen Klotür vorbei, hinter der sich gerade jemand übergibt.

    Holger (off): … oder aber auch schon etwas früher.

    An einem abgelegeneren Bar-Tisch steht Holger für sich allein und trinkt Mineralwasser, z. B. Perrier. Er betrachtet die Gesellschaft mit einer Mischung aus Langeweile und Verachtung.

    Holger (off): Das da hinten bin übrigens ich, oder besser gesagt, das war ich, bis vor nicht allzu langer Zeit. Ein vernünftiger junger Mann, mit vernünftigen Einstellungen, ich trinke auch heute noch selten und dann nicht mehr als ein Glas Wein, geraucht habe ich noch nie.

    Die Fahrt endet bei ihm. Sabine, etwas jünger als Holger, nicht zu groß und blond, kommt an den Tisch.

    Sabine: Entschuldige bitte, aber kannst Du mir ‘ne Zigarette geben?

    Holger: Nein, und da bin ich auch froh drüber, Nichtraucher, Nichtsüchtler, konsequent meiner Gesundheit gegenüber.

    Sabine: Trotzdem danke.

    Sabine will gehen.

    Holger: Weißt Du eigentlich, was das Beste an euch Rauchern ist?

    Sabine: Nein?

    Holger: Ihr zahlt Dank eurer Sucht Unsummen an Steuern und entlastet das Rentensystem … da fallen die etwas erhöhten Krankheitskosten gar nicht ins Gewicht.

    Sabine: Ja??

    Holger: Was schätzt du …

    Sehr zu Sabines Erleichterung hat sich gerade eine Polonäse gebildet und zieht durch Raum. Mit einem entschuldigenden Schulterzucken hängt sie sich an. Holger winkt ab, als ihn Werner auffordert, ebenfalls mitzumachen, und deutet an, er müsse jetzt leider ganz dringend auf die Toilette.

    Holger (off): Und dann auch noch Polonäsen! Diese sind zwar an und für sich nichts schlechtes, wären da nicht zwei entscheidende Nachteile: Erstens muß man fremde Leute anfassen, zweitens wird man von fremden Leuten angefaßt.

  2. Innen/Tag Holgers Wohnzimmer heute

    Nachmittag. Holger sitzt auf seinem Sofa, mit den Füßen hält er ein Stück Strickware (die Mütze), von dort läuft ein Faden zu seinen Händen: Er trennt die Mütze auf und wickelt die Wolle zu einem sauberen Knäuel. Neben ihm steht eine dampfende Tasse Tee, aus der er von Zeit zu Zeit trinkt, ebenso in den weiteren Bildern in seinem Wohnzimmer.

    Holger: Aber um gerecht zu sein, muß ich sagen: Es gibt solche und solche Parties … und Silvesterfeiern gehören wohl zu den schlimmsten. Auch wenn man da die Gelegenheit hat, mit Leuten zu feiern, die man erst im nächsten Jahr wieder verläßt. (äfft) Jetzt trink doch mal was! … Cheerio Miss Sophie! (er hebt die Tasse und trinkt) … Dinner for one war ja wieder sooooo toll dieses Jahr!

  3. Außen/Tag Ein Trödelmarkt vor einem Jahr

    Es ist naßkalt und winterlich. Holger geht frierend durch die Gassen.

    Holger (off): Und so war ich vor einem Jahr auch unheimlich gut gelaunt unterwegs, um noch ein Geschenk für Walter aufzutreiben, der mich ungefragt eingeladen hatte. Ich war schon total durchfroren, und daß mir nichts passendes unter die Augen gekommen war, hielt ich für einen großartigen Anlaß abzusagen. Vom Heimweg trennte mich nur noch die Suche nach etwas über meine Ohren, denn es war wirklich tierisch kalt.

    Bei einem Händler mit allerlei Kleinkrams bleibt er vor einer Kiste stehen, auf der oben eine einzelne Mütze mit weißen und braunen Streifen liegt. Ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen spricht er den Händler, einen dicken und dick eingepackten Mann an.

    Holger: Tschuldigung, was kostet denn die Mütze da?

    Händler: Welche?

    Holger stupst, immer noch ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen, die Mütze an.

    Händler: Zehn Mark, aber nur weil Sie es sind.

    Holger: Das ist aber nett.

    Händler: Bitte sehr.

    Holger nimmt die Mütze auf und betrachtet sie näher. Sehr dicht gestrickte, dicke Wolle, groß genug um sie tief über die Ohren zu ziehen. Er setzt sie auf.

    Holger: Hätten Sie einen Spiegel für mich?

    Händler: Dafür brauchen Sie doch keinen Spiegel, das ist eine Tarnkappe.

    Holger: Tatsächlich? Eine der wenigen echten?

    Er tritt einen Schritt zurück und fährt sich wie Pantau um den Kopf.

    Holger: Mantje, Mantje, Timpetee – Ich wünsche mir … äh … ein Haus am See.

    Händler: Mann, haben Sie auch nur einen blassen Schimmer davon, was eine Tarnkappe ist?

    Holger: Aber natürlich, wofür halten Sie mich?

    Händler: Dann ist ja gut.

    Holger (off): Nicht die geringste Ahnung hatte ich, Märchen und ähnliche Kindereien waren mir immer völlig gleichgültig gewesen.

    Holger bezahlt und geht ab.

  4. Außen/Tag Vor Holgers Haus vor einem Jahr

    Es ist windig. Holgers Blick fällt auf das Vordach, wo seine Bettwäsche ziemlich verdreckt liegt.

    Holger (off): Wenn einen das alte Jahr schon mit total versauter Bettwäsche verabschiedet, wie soll man denn da in Stimmung kommen?

    Dann sieht er das offenstehende Schlafzimmerfenster aus dem, noch an einem Zipfel gehalten, ein Kopfkissen hängt: auch dieses fällt vor seinen Augen in den Dreck. Mißmutig beginnt er das Vordach zu ersteigen, offensichtlich nicht das erste Mal..

    Holger (off): Ich war trotz meiner eben erstandenen Mütze reichlich durchfroren. Was ich jetzt brauchte war eine Kanne Holundertee, Ruhe und Zeit mir eine gute Entschuldigung einfallen zu lassen, eine die mir selbst Werner abnehmen würde.

  5. Innen/Tag Holgers Flur vor einem Jahr

    Holger betritt mit der verschmutzten Wäsche auf dem Arm seine Wohnung. Er flucht leise vor sich hin.

    Er schmeißt den Packen in eine Ecke und geht Richtung Küche.

    Kaum hat er die Küchentür geöffnet, klingelt das Telefon.

    Er zögert abzunehmen, tut es dann aber doch.

    Holger: Ja.

    Holger: Hallo, Werner.

    Holger: Nein, ja …

    Holger versucht dem Gespräch kaum folgend mit dem Telefon in die Küche zu kommen, doch die Schnur hat sich verheddert, an der Tür ist Schluß. Er stellt den Apparat auf den Boden und zieht den Hörer bis an die Spüle, klemmt ihn zwischen Kopf und Schulter. Er füllt seinen Kessel mit Wasser und stellt ihn auf den Herd. Er hat Schwierigkeiten die Herdflamme anzuzünden.

    Holger: Werner, ich …

    Holger: Mir geht es wirklich… ja

    Holger: Klar. (im Hintergrund) Ja, ja, sicher, ja

    Holger (off): Im Vorjahr hatte ich mich kurz vor zwölf abgesetzt und Werner hatte den ganzen Haufen um 23:55 Uhr in lichte Aufregung versetzt und das Haus von Abstellkammer bis WC nach mir durchsuchen lassen. Er hatte also leider etwas gut bei mir.

    Holger: Nein, ist ja in Ordnung, ich komme, tschau.

    Er legt auf.

    Holger: Scheiße.

  6. Innen/Tag Holgers Wohnzimmer heute

    Später Nachmittag. Holger sitzt wie in Bild 2 auf der Couch, inzwischen hat er das Knäuel fertig und mit vier plus einer Stricknadeln begonnen, einen Socken zu stricken.

    Holger: Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, habe ich dann erst einmal nachgeschlagen, was eine Tarnkappe denn so genau ist.

    Er deutet auf das große Konversationslexikon in seinem Regal.

    Holger: Gut geglaubt habe ich natürlich nicht, daß es funktionieren würde, vielleicht ein bißchen. Zuerst habe ich mich vor den Spiegel gestellt, aber was sagt das schon, daß man sich selbst sehen kann?

    Er nimmt einen Schluck Tee.

  7. Innen/Tag Holgers Küche vor einem Jahr

    Holger steht mit dem Telefon in der Hand am Fenster und winkt seinem Nachbarn, der ebenfalls telefonierend im Unterhemd am Fenster steht.

    Holger (off): Zugegebener Maßen … es war dann wohl doch etwas albern, meinen Nachbarn anzurufen, mich ans Fenster zu stellen und zu fragen, ob er mich sehen könne …

    Der Mann läuft rot an, schmeißt den Hörer auf die Gabel und brüllt irgendetwas, daß wir nicht hören.

    Holger (off): Wo ich mich doch erst eine Woche zuvor über seine schmutzigen Scheiben beschwert hatte …

  8. Innen/Tag Holgers Wohnzimmer heute

    Holger zuckt mit den Schultern.

    Holger: … eine Flasche Sekt hat das dann wieder gerichtet.

  9. Außen/Nacht Vor Werners Haus vor einem Jahr

    Holger betritt den Gartenweg.

    Holger (off): Auf dem Weg zu Werner habe ich mich verschiedenen Passanten in den Weg gestellt, aber leider sind mir alle ausgewichen, von wegen unsichtbar. Sei’s drum, mir stand also wieder eine doofe Party bevor und ich hatte auch noch versprochen bis nach Mitternacht zu bleiben.

    Er klingelt.

    Holger (off): Bloß: ich füllte mich prächtig! freute mich auf den Abend! Keine Ahnung was mit mir los war.

    Werners Frau, Sandra, öffnet. Holger tritt einen Schritt zurück.

    Holger: Hey Sandra, du siehst entzückend aus! Laß uns deinen Mann erschrecken und dann augenblicklich heiraten!

    Er umarmt sie. Sandra ist halb erstaunt, halb lacht sie.

    Sandra: Schön das du da bist. So fröhlich heute abend?

    Sie betreten das Haus.

  10. Innen/Nacht Werners Flur vor einem Jahr

    Sandra nimmt Holgers Mantel, ohne seine Mütze abzunehmen, stürzt er sich ins Getümmel.

  11. Innen/Nacht Werners Partyraum vor einem Jahr

    Die Stimmung ist sehr gut. Werner kommt auf Holger zu und reicht ihm die Hand, dieser schlägt ein.

    Werner: Toll, daß du gekommen bist. Nette Mütze hast du da auf.

    Holger langt sich verlegen an den Kopf, dann legt er, plötzlich selbstsicher, die Hand an den Mund und flüstert.

    Holger: Das ist eine Tarnkappe.

    Werner: Und was tarnt sie?

    Holger: Daß ich gar nicht hier bin, du Hirni.

    Er boxt Werner an die Schulter und geht ab. Werner bleibt verwundert zurück.

    Holger (off): Noch erstaunter über mein Verhalten als Werner war ich selbst, ich war natürlich wie immer völlig nüchtern, aber: was kümmerte mich meine schlechte Laune von Vorgestern?

  12. Innen/Nacht Werners Partyraum vor einem Jahr

    Die Stimmung ist noch deutlich gestiegen, Holger befindet sich in einer Traube Menschen, um seinen Hals hängen Luftschlangen. Als er geht, löst sich die Gruppe spontan auf. Er geht auf Ulrich zu, der gelangweilt am gleichen Tisch steht wie Holger in Bild 1. In der einen Hand hält er ein Bündel Salzstangen, mit der anderen schiebt er sich eine nach der anderen in den Mund, neben ihm steht ein Glas Bier.

    Holger: (freundlich) Hey alter Knabe, wenn du meinst hier Langeweile verbreiten zu müssen, bist du aber falsch gewickelt.

    Ulrich: (hält sich witzig) Der Langeweile größter Sinn ist nicht das lange Weilen …

    Holger: … es wohnt in ihr der Zwang herin, die Zeit mit sich zu teilen … ha ha ha. Genug davon!

    Er zieht einer jungen Dame mit zwei Partyhüten auf dem Kopf den einen herunter und verpaßt ihn Ulrich.

    Holger: Komm schon, sterben kannst du auch später.

    Er zieht Ulrich auf die Tanzfläche, wo die beiden mit Begeisterung begrüßt werden.

  13. Innen/Nacht Werners Partyraum vor einem Jahr

    Stimmung auf dem Höhepunkt. Holger taumelt mit Schweißperlen auf der Stirn von der Tanzfläche, um seinen Hals immer noch Luftschlangen, auf seinen Backen sind jetzt mit Lippenstift Herzen gemalt. Er schnappt sich eine Flasche Mineralwasser und läßt sich in ein Sofa fallen. Sabine setzt sich mit Zigarette in der Hand zu ihm.

    Sabine: Darf ich mich zu dir setzen?

    Holger: Immer doch schönes Kind.

    Sabine: Du bist ja DER Knaller, warum hat dich Werner nicht früher schon mal eingeladen.

    Holger stutzt kurz, dann beugt er sich zu Sabine und flüstert ihr ins Ohr.

    Holger: Ich bin nicht ganz billig.

    Sabine schrickt leicht zurück, Holger lächelt sie an, dann rafft sie’s und fängt etwas zu schrill an zu lachen.

    Die Musik wechselt. Holger nimmt Sabine die kaum angerauchte Zigarette aus der Hand, drückt sie aus, steht auf und zieht auch Sabine hoch.

    Holger: It´s Showtime, Baby. Häng dich ein.

    Holger startet die Polonäse und führt allmählich alle Gäste durch den Raum.

  14. Innen/Nacht Werners Schlafzimmer vor einem Jahr

    Die Polonäse ist im Schlafzimmer angekommen. Im Vorbeigehen öffnet Holger die Schiebetüren, greift sich einen schwarzen BH und bindet ihn sich um den Kopf.

    Holger: Wer das schönste Stück ergattert, hat einen Wunsch frei!

    Sekunden später ist der ganze Zug mit Unterwäsche überzogen. Plötzlich hört man Knaller und Raketen, alle fallen sich in die Arme und jubeln.

    Weißblende.

  15. Innen/Nacht Holgers Schlafzimmer vor einem Jahr

    Holger liegt in seinem sonnendurchfluteten Schlafzimmer auf dem Bett und schläft. Er trägt immer noch die Partyklamotten inklusive Mütze.

    Holger (off): Ich konnte es nicht fassen. Vom intellektuellen Langweiler hatte ich mich zum absoluten Stimmungsmacher gewandelt und fühlte mich prächtig dabei. Meine einzige Erklärung war die Tarnkappe und ich beschloß, sie fortan auf allen Parties zu tragen.

  16. Innen/Nacht Holgers Wohnzimmer heute

    Früher Abend. Der Socken nimmt langsam erkennbare Formen an.

    Holger: Und es funktionierte, ausgerechnet ich wurde plötzlich überall hin eingeladen, als Garant für gute Stimmung und gelungene Feste.

    Er weist auf Photos an der Wand, besser (oder zusätzlich) kurze Einstellungen vom ihm auf den verschiedensten Parties, natürlich immer mit Mütze.

    Holger auf einer Geburtstagsfeier, entweder springt er aus einer Torte oder klatscht dem Geburtstagskind eine Torte ins Gesicht.

    "Holger Fischkopf", Weitwinkel, Gesicht dicht vor der Kamera, Backen aufgeblasen, Augen verdreht.

    Holger (off): Selbst oder gerade wenn ich mich bemühte den Bogen etwas zu überspannen, war mir niemand bös, im Gegenteil.

    Holger als Trauzeuge auf einer Hochzeit, er schüttet dem Bräutigam einen ganzen Eimer Reis über den Kopf.

    Eine Faschingsparty, Holger wird auf einem improvisierten Thron und mit Papierkrone über der Mütze durch den Saal getragen.

    Holger (off): Je mehr ich mir erlaubte, desto höher wurde ich gehoben, ich genoß die absolute Narrenfreiheit.

    Holger mit der Karikatur eines guten Anzugs und einer 1,5m langen Kerze mitten in einer Reihe Kinder bei der Erstkommunion.

    Wieder Holger auf der Couch.

    Holger: Auf der anderen Seite brauchte ich die Mütze nur abzunehmen und war ganz der alte, vernünftig, überlegt, aber viel ausgeglichener als früher. Beruflich habe ich das letzte Jahr einen riesen Sprung gemacht.

    Er weist auf ein Foto von Sabine und sich.

    Holger: Mit Sabine bin ich übrigens seit genau fünf Monaten und elf Tagen zusammen, das Rauchen hat sie für mich aufgehört.

  17. Innen/Tag Holgers Treppenhaus vor einer Woche

    Holger steht vor seinem Briefkasten und angelt mit einem Kleiderhacken, den er an einem Ende mit doppelseitigem Klebeband umwickelt hat, nach seiner Post.

    Holger (off): Was vor einer Woche kam, war ja abzusehen, ja ich hätte wohl damit rechnen müssen …

    Er zieht mehrere Rechnungen, zwei/drei Prospekte und einen Brief von Werner aus dem Kasten. Letzteren öffnet er sofort.

    Holger (liest): Lieber Holger, natürlich feiern wir auch dieses Jahr wieder Sylvester bei mir. Ich würde mich sehr freuen … bla bla bla … Liebe Grüße Werner. P.S.: Laß bitte Deine doofe Mütze zu Hause, Du wirst es ja wohl schaffen, auch ohne "Tarnkappe" gut drauf zu sein.

    Holger ist ehrlich erschrocken. Er stürzt die Treppen hoch zu seiner Wohnung.

  18. Innen/Tag Holgers Flur vor einer Woche

    Holger greift zum Telefon und wählt.

    Holger (off): Ich? Gut drauf? Ohne meine Kappe? Das konnte doch nur ein Scherz sein!

    Als sich Werner meldet, legt Holger ohne ein Wort zu sagen auf.

    Holger (off): Oder wohl doch nicht.

  19. Innen/Nacht Holgers Wohnzimmer heute

    Abend. Die Wolle ist fast vollständig verbraucht, Holger schneidet den Faden durch rollt das Knäuel zusammen und steckt die Stricknadeln hinein.

    Holger: Heute ist diese erste Feier genau ein Jahr her. Für mich steht jetzt einiges auf dem Spiel, all das Schöne in meinem neuen Leben …

    Er steht auf und nimmt sich seine Partykleidung die schon außen am Kleiderschrank hängt, ein rotglitzerndes Jackett, eine elegante schwarze Hose und passende Schuhe.

    Holger: Aber wer verzagt, hat schon von vornherein verloren. Gewisse Risiken muß man einfach eingehen.

    Er beginnt sich umzuziehen, stockt dann und blickt in die Kamera.

    Holger: (deutlich) Wir sehen uns auf der Party.

  20. Diverse/Nacht Diverse

    Die Kamera fährt aus Holgers Wohnzimmer durch den Gang ins Treppenhaus, jetzt sehr schnell durch diverse Straßen, die Fahrt verlangsamt wieder bis vor Werners Haustür, diese öffnet sich, weiter durch den Flur in Werners Partyraum.

  21. Innen/Nacht Werners Partyraum heute

    Riesenstimmung. Auf der Tanzfläche steht ein Kreis dicht gedrängter Gäste, die in die Hände klatschen und "Holger! Holger!" rufen. Als sich die Kamera nähert öffnet sich der Kreis, in der Mitte tanzt Holger im Kopfstand, die Kamera fährt langsam von seinen Händen aus nach oben sein Sakko hängt ihm über den Kopf, die Hosenbeine sind herunter gerutscht, die Kamera endet auf der Tarnsocke.

    Holger (off): "Tarnsocke heißt das Geheimnis!"

    Abspann.

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© Volker Umpfenbach

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